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Art.Nr.: 5779
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Walter Pollak
Dokumentation einer Ratlosigkeit - Österreich im Oktober / November 1918
»Der Abend hat sich gesenkt. Die Siebenundsechziger-Verfassung geht schlafen. Das heute erschienene kaiserliche Manifest ist nicht die Verabschiedung dieser Verfassung, es ist kein Patent, das Verfügungen des Herrschers enthält, aber es ist ein Aufruf des Trägers der Krone an seine Völker, an dem Neubau des Staates zusammenzuwirken. Der Kaiser ordnet nicht mehr an, daß an Stelle des zentralistisch regierten, auf seinen historischen Kronlandsgrenzen aufgeschichteten Österreich ein Bundesstaat werden soll, er beruft sich vielmehr in dieser feierlichen Kundgebung auf den >Willen seiner Völker<, die nach dem Bundesstaat verlangen, da die Inanspruchnahme des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen im staatlichen Rahmen Österreichs nicht anders verstanden werden kann«, schrieb die »Reichspost«, das unabhängige Tagblatt für das christliche Volk Österreich-Ungarns, am 18. Oktober 1918.
Die Lektüre der wichtigen Wiener Zeitungen vom 1. Oktober 1918 bis zum 12. November 1918, die der Autor dieses Werkes, Prof. Walter Pollak, zur Grundlage einer ungewöhnlichen Dokumentation macht, ist von ungewöhnlicher Dramatik und Spannung. Sie beweist, wie schwer es den Deutschen Österreichs — aller Parteirichtungen — gewesen ist, sich vom alten Reich, der österreichisch-ungarischen Monarchie, zu trennen. Bis in die letzten Tage flackerte immer wieder die Hoffnung auf, der Staat könnte noch als ein Bundesstaat freier Nationalstaaten gerettet werden. In den Kommentaren zu den Ereignissen kehrt die Wendung immer wieder, wenn die anderen uns verlassen, sind auch wir Deutschen gezwungen, unseren eigenen Staat zu machen.
Bei den Christlichsozialen lag die Ursache für diese Haltung in ihrer katholisch-konservativen Einstellung und bei den Deutschliberalen an dem Festhalten an der Mentalität der deutschen Vorherrschaft über die anderen Völker der Monarchie. Bei den Sozialdemokraten mußte erst die Spannung zwischen dem linken und dem rechten Flügel ausgeglichen werden, ehe man sich von der politischen Programmatik des Nationalitäten-Bundesstaates zu der des selbständigen Staates mit dem Anschluß an Deutschland wandelte. Erst als Deutschland eine sozialdemokratische Regierung hatte, wurde der Anschlußgedanke radikal vertreten. Anschluß an Deutschland ist Anschluß an den Sozialismus, hieß es.
Das Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratie, die »Arbeiter-Zeitung«, ließ ihren Leitartikler am 31. Oktober u. a. schreiben: »Das alte Österreich ist nicht mehr. Tschechen, Polen, Südslawen gründen ihre eigenen Staaten. So muß sich denn auch das deutsche Volk in Österreich seinen eigenen Staat zimmern. Ein neuer Staat wird geschaffen. Eine neue Staatsverfassung ist zu beschließen. Da mußten die Arbeiter ihren Willen verkünden, daß der neue Staat ein wirklicher Volksstaat werde, in dem es keine Gewalt mehr geben soll als die, die das Volk selbst sich einsetzt.«
Geb. mit Schutzumschlag, 205 Seiten, Schutzumschlag leicht abgestoßen und gebräunt, Seiten leicht gebräunt, sonst sehr guter Zustand
Kremayr & Scheriau; 1968; Wien